Medienkonzentration im Mantel der Konzerne
Sinkende Auflagen und steigende Medienkonzentration
Der Mediensektor und das Verlagsgeschäft stehen schon seit langer Zeit im Wandel. Der Druck auf Medienhäuser, das lange lukrative Zeitungsgeschäft für eine digitale Zukunft zu wappnen, in der sich sowohl Medienkonsum als auch -form drastisch verändern, wächst stetig. Eine folgenreiche Konsequenz dieser Dynamik ist die Flucht nach vorn: Konsolidierung des Zeitungsmarktes und Konzentration des Geschäfts, um schwindende Margen und Profite auf weniger Hände zu verteilen.
Die Auflage der gedruckten Tageszeitungen ist in Deutschland seit 2005 um mehr als 54% zurückgegangen. Der Gesamtumsatz der Zeitungsbranche hat trotz steigender Digital-Abonnements deutschlandweit über die letzten dreißig Jahre mit dem Rückgang der Auflagen und damit dem Gesamtvolumen des Marktes abgenommen. Laut einer wegweisenden Branchenstudie lag der Umsatz deutschlandweit im Jahr 2024 bei 6,3 Milliarden Euro. Die Prognose für 2029 ist eine weitere Abnahme um 4,5 %.
Mit der Abnahme des Gesamterlöses steigt der finanzielle Druck auf die Verlagshäuser, was sowohl im überregionalem aber vor allem im regionalen Zeitungsgeschäft das Verschwinden sowie die Konzentration von Zeitungen und Redaktionen zur Folge hat. So hat die Konzentration von Medien weiter zugenommen und damit die Medienvielfalt in Deutschland abgenommen.

Eigentumskonzentration ist redaktionelle Konzentration
Die Medienbranche reagiert auf sinkende Auflagen, rückläufige Werbeeinnahmen und damit verbundene Umsatzverluste mit verstärktem Wettbewerb und steigendem Wachstumsdruck. Der daraus entstehende Konsolidierungszwang führt dazu, dass große Mediengesellschaften vermehrt kleinere, unter Kostendruck stehende Verlagshäuser aufkaufen, um Auflagenrückgänge durch Zukäufe auszugleichen – getreu dem Prinzip: je größer, desto rentabler. Diese Übernahmen gehen meist mit Kosteneinsparungen durch Synergien, Effizienzsteigerung und Professionalisierung einher.
Hinter diesen Strategien verbirgt sich jedoch häufig ein kostengetriebener Sparkurs, der nicht nur durch die Zusammenlegung von Zustellbetrieben, Druckhäusern und anderen sekundären Bereichen des Zeitungsgeschäfts realisiert wird, sondern vor allem durch Personaleinsparungen. Mit der Übernahme zahlreicher Zeitungen fusionieren große Medienkonzerne die Redaktionen aller oder vieler ihrer Titel, halten oft nur noch eine Lokalredaktion und lassen die Zeitungen überregionale Inhalte von sogenannten Zentral- oder Mantelredaktionen beziehen. Dies hat den erwünschten Effekt der Senkung von Personalkosten, bringt aber auch den signifikanten (unerwünschten Neben-) Effekt der Minderung der Vielfalt von journalistischen Stimmen, unabhängigen Redaktionen und Perspektiven.
Auf diese Weise sind in den vergangenen Jahrzehnten große lokaljournalistische Medienkonzerne entstanden, die heute die deutsche Regionalzeitungslandschaft prägen – darunter Ippen Media, die Funke Mediengruppe, Madsack und die Neue Pressegesellschaft (NPG). Gemeinsam vereinen sie einen Großteil der deutschen Lokalnachrichten auf sich.
Von Osten nach Westen: Weniger Redaktionen in weniger Händen
Unsere Recherche zum Medieneigentum in Deutschland hat extreme Fälle dieser Form des Mantelredaktionen-Journalismus untersucht. Dabei gibt es Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten in der Medienbranche im Osten und Westen von Deutschland.
Im Südwesten Deutschlands sind die führenden Blätter der Stadt Stuttgart ein Beispiel einer solcher kostengetriebenen Fusion und redaktionellen Konzentration. Die Stuttgarter Nachrichten und die Stuttgarter Zeitung sind inhaltlich fast identisch, obwohl sie in unterschiedlichem Layout erscheinen. Seit 2013 wurden die Redaktionen beider Zeitungen weitestgehend zusammengeführt. Mit der Übernahme beider Titel von der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH) durch die NPG im Jahr 2025, sind weitere Zusammenführungen zu erwarten.
Die größten Zeitungen Thüringens sind ein weiteres Beispiel, und vielleicht einer der extremsten Fälle des Mantelredaktionsjournalismus. So sind die Thüringer Allgemeine, die Ostthüringer Zeitung und Thüringische Landeszeitung Teil der gleichen Mantelredkationsgruppe – Funke Medien Thüringen. Die inhaltsgleichen Zeitungen erscheinen im gleichen Format und nur minimal abweichenden Layout und wurden seit 1990 in der Zeitungsgruppe Thüringen zusammengelegt, welche bis 2015 unter dem Namen Mediengruppe Thüringen (GmbH) operierte. In diesem Zusammenschluss gelten sie als eine der auflagenstärksten Regionalzeitungen in ganz Deutschland.
Beide Beispiele stehen emblematisch für einen Trend, der neben der Konzentration von Medieneigentum auch die zunehmende redaktionelle Konzentration zur Folge hat. Entwicklungen im Osten und Westen der Bundesrepublik sind durch die verschiedene gesellschaftspolitische Historie der beiden ehemals getrennten Länder unterschiedlich. Im Osten der Bundesrepublik entstanden große Zeitungsmonopole durch den Verkauf ehemals staatlicher Zeitungs- und Medienkombinate durch die Treuhand, was als einmalige Chance für westdeutsche, kapitalstarke Medienunternehmen gesehen wurde. Allerdings war es nicht nur der Verwaltungs- und Verkaufszwang durch die Treuhand, der zu großen Monopolen und Mantelredkationsgebilden führte. Zeitungshäuser standen im Osten zur Wendezeit unter ungekannten Wettbewerbsdruck und konnten dem Kosten- und Modernisierungsdruck teils nur durch Fusion mit westdeutschen Medienkonzernen (wie im Fall der Thüringer Allgemeinen) nachkommen. Eine Entwicklung, wenn auch unter anderen Vorzeichen, die nun auch im Westen rasant voranschreitet: fusionieren, digitalisieren, modernisieren und konsolidieren.
Fehlende Regulation, fehlende Perspektiven, zunehmende Extremkonzentration
Wie geht man also mit der fortschreitenden Medienkonzentration und Vereinheitlichung der redaktionellen Strukturen im deutschen Journalismus um? Der jüngste Fall der Aufspaltung der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH) und der Übernahme von Teilen durch die Neue Pressegesellschaft zeigt deutlich, dass das bestehende Kartell- und Medienkonzentrationsrecht in Deutschland kaum in der Lage ist, die fortschreitende Medienkonzentration wirksam zu begrenzen. Selbst das Bundeskartellamt musste im Zuge der Genehmigung einräumen, dass ihm trotz offensichtlicher Wettbewerbsbedenken rechtlich häufig kaum Alternativen möglich sind. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) forderte in diesem Zusammenhang eine Reform des Kartellrechts, welches effektiver vor Medienmonopolen schützt und somit die Medienvielfalt - essentiell für die Demokratie - wahrt.
Zwar existieren in Deutschland Regelungen, die vor allem im Rundfunkbereich greifen und die Verhinderung vorherrschender Meinungsmacht zum Ziel haben. Doch diese rechtlichen Instrumente erfassen längst nicht mehr die gesamte Bandbreite von Medien- und Meinungsmacht – insbesondere nicht in Zeiten digitaler Plattformen, crossmedialer Unternehmensstrukturen und vertikaler Integration großer Medienkonzerne mit großen Mantel- und Zentralredaktionen. Medienexperten, Journalisten und Verbände weisen seit Jahren darauf hin, dass Eigentumskonzentration im Medienbereich zu demokratietheoretischen sowie - praktischen Defiziten führt, weil sie Einflussmöglichkeiten auf Inhalte, Meinungsbildung und Arbeitsbedingungen des Journalismus vergrößert.
Gleichzeitig argumentieren große Verlage und Medienkonzerne zunehmend, dass nur durch weitere Konzentration und Konsolidierung der Journalismus in Deutschland langfristig überlebensfähig sei. Vertreter dieser Position betonen, dass Größe und finanzielle Stärke notwendig seien, um im globalen Wettbewerb um Reichweite, Talente und Werbeeinnahmen mit internationalen Plattformen bestehen und Journalismus bei sinkenden Umsatzerlösen zukunftsfähig machen zu können.
Dieses Spannungsverhältnis verdeutlicht eine zentrale Leerstelle der Medienpolitik: Auf der einen Seite steht das legitime Bedürfnis nach wirtschaftlich tragfähigen Strukturen, auf der anderen Seite die demokratische Notwendigkeit, Medienvielfalt und Unabhängigkeit zu bewahren. Was fehlt ist eine zeitgemäße Form der Regulierung und Vision für den Journalismus, die über das Wettbewerbs- und Kartellrecht hinausgeht und den gegenwärtigen Anforderungen gerecht wird – der ökonomischen Stabilität der Branche ebenso wie der Sicherung einer vielfältigen, unabhängigen Medienlandschaft im digitalen Medienzeitalters. Das ist und wird eine gemeinsame Aufgabe des Mediensektors, der Politik, zivilgesellschaftlicher Akteure und der Gesellschaft an sich, jetzt und in der Zukunft bleiben.
